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Jüdische Gemeinde Düsseldorf ehrt zwei Muslime

Gruppe mit Preisträgern_klein

Foto. Dr. Oded Horowitz, Vorsitzender des Gemeinderates der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Ruth Rubinstein, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Ran Ronen, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, die Preisträger Hamed Abdel-Samad und Ahmad Mansour und der früher Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit (Aufnahme: Christian Dick)

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Foto: die Preisträger Hamed Abdel-Samad und Ahmad Mansour und der früher Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit, der als Laudator für Ahmad Mansour fungierte (Aufnahme: Christian Dick)

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Foto: Hamed Abdel-Samad und sein Laudator Henry M. Broder (Aufnahme: Christian Dick)

Autor: Christian Dick

Die jüdische Zeitrechnung beginnt mit der Erschaffung der Welt, die nach rabbinischer Tradition auf das Jahr 3761 v. Chr. festgelegt wird. Am 14. September 2015 war demgemäß der 1. Tischri (erste Tag) des Jahres 5776. Daher begeht die Jüdische Gemeinde Düsseldorf traditionell mit einer Neujahrsfeier. Dies wird seit 1991 mit der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille verbunden.

Hintergrund der Josef-Neuberger-Medaille

Josef Neuberger wurde in Antwerpen (Belgien) geboren. Seine Eltern emigrierten von Belgien nach Krakau (Polen). 1914 wurde seine Familie von Belgien nach Deutschland vertrieben und ließ sich in Düsseldorf nieder. Nach dem Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Köln legte er seine Promotion zu dem Thema „Die Verfassung der Russischen Sozialistischen Föderativen Räterepublik“ ab.  Auf Grund seines jüdischen Glaubens wurde er nach 1933 von den Nationalsozialisten aus der Anwaltskammer ausgeschlossen. Während der Novemberpogrome 1938 wurde Neuberger von NS-Schergen schwer verletzt, woraufhin er über die Niederlande nach Palästina emigrierte und dort sein Jurastudium fortsetzte. In Palästina schloss er sich der zionistisch-sozialistischen Partei Poale Zion an. Nach Gründung des Staates Israel und der Bundesrepublik Deutschland kehrte Neuberger 1950 nach Deutschland zurück, ließ sich 1952 als Rechtsanwalt in Düsseldorf nieder und arbeitete unter anderem als Strafverteidiger am Amts- sowie Landgericht Düsseldorf. Neuberger war seit 1956 Ratsherr in Düsseldorf und zog 1959 als Abgeordneter für die SPD in den nordrhein-westfälischen Landtag ein. Von Dezember 1966 bis September 1972 amtierte er als Justizminister in der von Heinz Kühn geführten Landesregierung. Während seiner Amtszeit reformierte er das Justizwesen in den Bereichen Strafvollzug, Wirtschaftskriminalität, Juristenausbildung und Umweltschutz. Zur selben Zeit nahm er auch Ehrenämter im jüdischen Gemeindeleben wahr und amtierte unter anderem als Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland. Neubergers erwachsene Söhne kehrten nach Israel zurück. Sein Sohn Dr Michael Neuberger wohnte in diesem Jahr mit seiner Familie der Verleihung der Josef Neuberger-Medaille bei.

Unter den bisherigen Preisträgern sind der frühere NRW-Ministerpräsident und spätere Bundespräsident Johannes Rau, die frühere Bundestagspräsidentin Professor Dr. Rita Süssmuth und Bundeskanzlerin Angela Merkel und im Jahre 2014 die Düsseldorfer Band „Die Toten Hosen“.

Bildung als Schlüssel gegen Rassismus und Extremismus

In seiner Begrüßungsrede brachte der Vorsitzende des Gemeinderates der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dr. Oded Horowitz, zum Ausdruck wie verabscheuenswürdig die durch die PEGIDA-Bewegung geschürte Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind. Horowitz betonte, dass in diesem Jahr erstmals zwei Muslime, nämlich der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad und der palästinensisch-israelische Psychologe Ahmad Mansour die Josef-Neuberger-Medaille verliehen bekommen.

„Das beste Mittel gegen Rassismus sei Bildung. Am 24. August 2016 wird in Düsseldorf ein Jüdisches Gymnasium mit den 5. Klassen eröffnet. Dieses Gymnasium wird etwa 40 Prozent jüdische Schüler aufnehmen und zu etwa 60 Prozent Schüler, die nicht jüdischen Glaubens sind. Das Jüdische Gymnasium wird einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt haben. Somit dürfte dieses Gymnasium für die gesamte Düsseldorfer Stadtgesellschaft interessant sein“, so Horowitz.

Preisträger Ahmad Mansour

Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit, Laudator für Ahmad Mansour, wandte sich zunächst an Gisèle Spiegel, die Witwe des im Jahre 2006 verstorbenen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel: „Es hat mich sehr gefreut, dass der Platz vor dieser Synagoge nach Ihrem Mann benannt wurde. Paul Spiegel war ein wunderbarer Mensch, der sich ganz besonders um den Dialog zwischen Deutschland und Israel bemüht hat und der sich unermüdlich für die Toleranz in unserem Land eingesetzt hat. Ich bewundere seinen Einsatz im Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus.“

Wowereit würdigte in seiner Laudatio das vehemente und beherzte Eintreten von Ahmad Mansour für ein friedliches Miteinander und einen Dialog zwischen Israelis und Palästinensern. Es sei nicht hinnehmbar, dass Menschen mit einem Messer in der Tasche durch Tel Aviv gingen. „Das Wichtigste im Kampf gegen den Rassismus ist die Bildung, das haben Sie geehrter Herrr Dr. Horowitz, richtig gesagt“, so Wowereit.

Wowereit führte weiterhin vor Augen, dass der gebürtige Israeli Ahmad Mansour  während seiner Jugend dem Islamismus zugeneigt gewesen sei, sich aber später gewandelt sei.  , erklärte der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, in seiner Laudatio. Heute setze sich der 39-Jährige, der in Tel Aviv und in Berlin Psychologie studiert habe, in seinen Büchern und mit verschiedenen Projekten in der Bundeshauptstadt dafür ein, Radikalismus und Gewalt zu verhindern. Er setze sich dafür ein, dass jugendliche Muslime ihre antisemitischen Vorurteile hinterfragen und abbauen und kämpfe gegen religiösen Extremismus, Gewalt im Namen der Ehre, gegen Vorurteile und für eine demokratische Kultur des Dialogs.

Klaus Wowereit plädierte im Sinne der Geisteshaltung von Ahmad Mansour für eine liberale und offene Gesellschaft, in der es keinen Rassismus und keine Gewalt gibt, in der eine Minderheit nicht diskriminiert wird und in der eine Minderheit nicht toleriert, sondern auch akzeptiert wird.

Preisträger Hamed Abdel-Samad

In seiner Laudatio für Hamed Abdel-Samad bemerkte Henryk M. Broder zunächst, dass er selbst einen Migrationshintergrund habe, da er aus Polen komme. Er ging im Folgenden auf PEGIDA ein. Er brachte zum Ausdruck, dass es angesichts von 20000 bis 30000 PEGIDA-Demonstranten nicht gerechtfertigt sei von einer Bewegung zu sprechen, denn, so Broder wörtlich, „Was sind 20000 oder 30000 gegenüber 80 Millionen Menschen, die in Deutschland leben?“. Das gegenwärtige Problem in Deutschland sei nicht PEGIDA, sondern vielmehr eine „kopflose Politik“, führte Broder weiter aus.

Die Auswahl der diesjährigen Preisträger fand Broders vollumfängliche Unterstützung: „Mit Ahmad und Hamed ehren Sie zwei unabhängige Geister, die sich aus eigener Kraft von den Fesseln ihrer Erziehung befreit haben, ganz im Sinne von Immanuel Kant: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

„Ich weiß aus eigenem Erleben, wie schwer das ist. Ich weiß, dass es viel einfacher ist, das Ghetto physisch zu verlassen, als es aus dem eigenen Kopf zu verbannen. Ich weiß, dass man jeden Tag gegen sich selbst ankämpfen muss, wenn man nicht stehen bleiben will. Denn Stillstand ist Rückschritt“, fuhr Broder fort.

Broder bescheinigte Hamed Abdel-Samad einen nicht zu unterschätzende Leistung in Sachen Völkerverständigung und als Verfechter eines gewaltfreien Miteinanders als er feststellte „Deinen Namen wird man, da bin ich mir sicher, eines Tages in einem Atemzug mit Baruch Spinoza, Oskar Panizza und Salman Rushdie aussprechen,“

Doch die Biographie von Hamed Abdel-Samad, so machte Henry M. Broder deutlich, hätte sich auch in eine diametral andere Richtung, nämlich hin zum Radikalismus entwickeln können. „In dem Moment, als Du mir von Deiner fundamentalistischen Phase erzählt hast, wurde mir klar, was den Unterschied zwischen einer staatlich anerkannten moralischen Instanz und einem vom Schicksal gebeutelten jungen Moslem ausmacht: Die Haltung zu der eigenen Geschichte, das Wissen um die Fehlbarkeit und Verführbarkeit, aber auch das Gefühl für die unfreiwillige Komik des eigenen Tuns“, unterstrich Broder und ergänzte „Mit der Erfahrung Deiner Kindheit und Jugend, lieber Hamed, hättest Du auch ein Terrorist werden können. Und jeder Sozialarbeiter hätte Dir bestätigt, dass du gar nicht anders konntest, weil die Gesellschaft Dir keine Chance gegeben hatte.“

„Dass Du Dich für einen anderen Weg entschieden hast, war – anders als unser Zusammentreffen – kein Gottesbeweis, sondern ein Beleg dafür, dass man dem Schicksal widersprechen kann. Es ist nicht leicht, es kostet Kraft, es macht oft keinen Spaß, aber: Es ist möglich“, erklärte Henry M. Broder mit Nachdruck.

In der Spiegel Bestseller-Liste

„Dein letztes Buch – Mohamed, eine Abrechnung – hat es vom Start weg in die TOP TEN der SPIEGEL-Bestseller-Liste geschafft. Es steht in dieser Woche auf Platz drei, da können nicht mal Richard David Precht und Navid Kermani mithalten. Gott, wenn es ihn denn gibt, hat einen Sinn für Qualität“, hob Broder hervor.

Mit einer deutlichen Mahnung wie friedvoll die Welt sein könnte, wenn die Geisteshaltung Hamed Abdel-Samads Normalität wäre, fuhr Broder fort:  „Es gibt nur eines, das meine Freude an Deinem Erfolg ein wenig trübt. Es ist der Gedanke, wie viele Talente Deiner Art ungenutzt verkümmern. Wie viele junge Ägypter, Syrer, Iraker, Araber und Muslime es nicht schaffen, vom Glauben zum Wissen zu konvertieren und in die Welt hinaus zu gehen. Wörtlich und sprichwörtlich. Wie würde die arabische Welt, der ganze Nahe und Mittlere Osten aussehen, wenn es mehr, viel mehr Hamed Abdel-Samads gäbe?“

Abschließend übte Henry M. Broder in vehementer Weise Kritik an einem Selbstversuch deutscher Politiker, die sich in einem Schlauchboot auf der Spree vor dem Berliner Reichstag in Situation der Flüchtlinge hinein versetzen wollten: „Wir erleben derzeit eine Katastrophe von apokalyptischen Dimensionen. Wir sind Zeugen eines Völkermordes und einer Massenflucht, der wir so lange ganz entspannt zugeschaut haben, wie die Flüchtlinge nicht vor unserer Tür standen und Einlass begehrten. Jetzt werden wir zur Kasse gebeten für unsere pazifistisch-verlogene Zurückhaltung,  die nichts anderes ist, als der Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Symbolische Aktionen, das ist alles, wozu wir bereit und imstande sind, Aktionen, mit denen wir uns beweisen, wie gut, wie mitfühlend wir sind, dass wir aus der Geschichte gelernt haben. Gestern waren es die Deppen mit den „Refugee Welcome“-Plakaten, heute sind es Politiker, die sich in die Rolle der Flüchtlinge hinein phantasieren. Hamed, ich muss Dir das antun. Schau Dir bitte dieses Zwei-Minuten-Video an. Es wird Dir helfen, dieses Land, dessen Bürger wir beide sind, besser zu verstehen. Damit Du nicht meinst, die Irren sitzen heute nur in Damaskus, Bagdad, Teheran und Pjöngjang. Nein sie sind auch hier. Mitten unter uns:

http://www.spiegel.de/video/fluechtlingsboot-auf-der-spree-sea-watch-aktion-video-1616546.html

Mir hat dieser Clip den Atem verschlagen. Anfangs dachte ich, es handle sich um ein Happening wie „Schauen wir mal, wie viele Menschen in einen VW-Käfer passen?“ Aber nein, es war ernst gemeint. Betroffenheits-Simulanten wie Simone Peter von den Grünen, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch von der Linkspartei spielten Flüchtlinge und legten sich Schwimmwesten an, um in knietiefen Wasser der Spree vor dem Reichstag nicht zu ersaufen. Das ist die Dekadenz der toten Seelen, die dem Jammertal ihres Lebens aus zweiter Hand zu entkommen versuchen, indem sie in eine Rolle schlüpfen, die mit keinerlei Risiko aber viel Spektakel verbunden ist.“

Hamed Abdel-Samad gab in seiner Dankesrede freimütig zu „Ich bin es nicht gewohnt, derartige Preise anzunehmen, weil ich ein Mensch sei, der Klartext spricht, und zwar mehr als es die Menschen lieb haben. Ich kann Reden so dramatisch aufbauen, dass am Ende alle betroffen sind.“ So habe er im Rahmen einer Konferenz zum Thema Interreligiöser Dialog in Wien, bei der der Oberrabbiner die Parabel „Nathan der Weise“ als positives Beispiel hingestellt habe. Darauf habe er erwidert, dass „Nathan der Weise“ ein Auslaufmodell sei und dass Abraham nicht mehr der sein könne, der die Religionen verbinden könne.

Diese Bilder sind beim Empfang nach der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille entstanden:

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Foto: Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und Klaus Wowereit (Aufnahme: Christian Dick)

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Foto: Michael Dederichs, Leitender Pfarrer der Pfarrgemeinde St. Antonius und St. Benediktus und Pater MMag. Frank Bayard OT. Generalrat und Generalökonom des Deutschen Ordens aus Wien (Aufnahme: Christian Dick)

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Foto: Jacques Tilly, der für die oft frechen Karnevalswagen des Düsseldorfer Rosenmontagszuges verantwortlich zeichnet und Dr. Edmund Spohr, der sich in zahlreichen Vereinen um Denkmalpflege und Kultur in Düsseldorf verdient gemacht hat (Aufnahme: Christian Dick)

Filed by Christian Dick at Oktober 24th, 2015 under Uncategorized

Please correct:
Josef Neuberger was born in Antwerpen (Belgium). His parents immigrated to Belgium from Krakow (Polen).In 1914 the family
was expeled from Belgium to Germany and settled in Duesseldorf

Comment by Michael Neuberger — November 4, 2015 @ 11:45

Thank you very much. We made the correction.

Comment by Christian Dick — November 8, 2015 @ 23:45